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Daheim sein geht nur in Straßenschuhen

BUCHBESPRECHUNG / PELLMANN / NUR NOCH DEN ABEND ERREICHEN

15/03/24 Viel wird erzählt aus Lateinamerika. Aber auch heimische Supermärkte – Ich komme fast immer hierher und kaufe die gleichen Dinge wie früher – oder der Partisanenkrieg – Die meisten Höhlen im Karst bleiben vergessen … behalten das Grauen der unentdeckten Welt – sind Themen der Gedichte von Fedor Pellmann.

Von Heidemarie Klabacher

Fedor Pellmann, Jahrgang 1967, studierte Germanistik, Geschichte und Hispanistik. Hat über den Tango dissertiert. Ist Lehrer, unterrichtet zur Zeit in München, lebte und arbeitete zuvor in Argentinien. Aus Lateinamerika erzählt etwa das Gedicht Victoria Bay, in dem ein 23 Jahre altes lyrisches Ich von Buenos Aires ans Ende der Victoria Bay reisen sollte. Kein kleiner Weg über den Südatlantik. Tristan da Cunha liegt mitten auf der Strecke, wie jeder weiß, der einsame Inseln auf der Landkarte liebt. Die Möwen liebten mich und die Tauwerke interessierten mich. Man sieht den jungen Mann am Kai. Riecht den Wind. Hört die Möwen. So viel Hanf im Wind. Ein Seestück in blau und grau: Wir sind nah. Wenn der Herbstwind fällt und die Segel allein sein wollen. Überhaupt das Meer: Meine Aufgabe ist es, die lange Reihe der Windsegel von Toledo zu bewachen, heißt es im Falkenlied.

Die Sprache von Fedor Pellmann ist so schnörkellos und ökonomisch wie anschaulich und farbenreich, schlägt sich in einer Art lyrischen Prosa nieder, die unmittelbar in ihren Bann zieht. Die Form seiner Gedichte ist „klassisch“, es gibt Strophen. Thomas Kunst, der die Gedichte Fedor Pellmanns für diesen wunderbaren Band ausgewählt hat, hat den sechs Abschnitten geheimissvolle Zeilen des Autors als Überschriften verpasst. Ein Titel wie Süden, falsche Metaphysik verleiht den scheinbar geradlinig erzählenden – banaler Realitäts-Schilderung oder persönlicher Daseinsbewältigungs-Schreibe sich klug entziehenden Gedichten – einen zusätzlichen Drive ins Geheimnisvolle.

Noch ein Beispiel aus der Motivreihe Lateinamerika? Die Hauptstadt Argentiniens lässt den Dichter nicht los. Kein Wunder, er hat ja dort gelebt und unterrichtet. Er möchte wieder durch wieder durch Buenos Aires laufen, heißt es im Gedicht Buenos Aires. Weniger sentimental kann gedichtete Sehnsucht nicht sein: Erst so kann ich am Abend die Treppe nehmen, die Schüssel bereitstellen und etwas kochen. Aber: Daheim sein geht nur in Straßenschuhen. Fluchtbereit vielleicht? In der Provinz Buenos Aires – so der Titel dieses Gedichtes – würden vier pro 100.000 Menschen bei Überfällen erschossen, achtzig Prozent davon Männer. Und der Dichter bzw. dessen lyrisches Ich? Dieses fordert nicht Verbrechensbekämpfung, Polizeipräsenz oder Sozialprogramm. Er könne auch mit anderen lächeln, sagt er. An Katzen und Hunde denken, einer Meinung sein, Väter bedauern … Müll raustragen, Beete gießen. ... Aus der Stadt gehen, nichts ändern. Fatalistisch? Resignativ? Schon. Vielleicht weise? Jedenfalls selbst-anklagend, wie im ähnlich argumentierenden Gedicht Sechstes Massensterben im Abschnitt Wir trinken Wein und hinken: Wir alle werden wegsehen. … Die schönsten Momente waren, mit der Brille auf dem Sofa aufzuwachen und du warst da. Weiter entfernt von den Auswüchsen der Dauer-Aufgeregtheit der Gegenwart kann ein Denkansatz nicht sein. Zugleich schlechtes Gewissen angesichts mangelnder Zivlcourage? Der Dichter steckt nicht den Kopf in den Sand, färbt nicht schön, dichtet nicht Folklore (auch wenn Vierzeiler vorkommen).

Auch er – dieses lyrische Ich geht einfach einfach zu oft in Lateinamerika um, als dass man nicht an den Autor selber denken würde – auch er hat Angst: Ein Toter im Tal, unweit des Lehmziegelhauses, heißt es im Gedicht Fiambalá. Die Stadt liegt im Nordosten Argentiniens (gibt Thermalquellen dort). Wer das erzählende „Ich“ ist, bleibt natürlich offen. DEA? Ist die dort überhaupt zuständig? Ein gewöhnlicher Polizist? Zollfahnder oder einfach einer aus der Verwaltung... Vielleicht straffversetzt: Um hier wegzukommen, fehlen noch drei Jahre. Jedenfalls spult sich über nur 18 Zeilen Gedicht eine Art Narcos-Serie mit 18 Folgen ab. Seit drei Monaten bin ich hier. Jetzt im Almacen (Zoll-Lager, Anm.) Los Cardones fällt mir ein, dass es doch eher Totschlag war.Dieses Mal werde ich die Tür verriegeln.

Fedor Pellmann, Jahrgang 1967, studierte Germanistik, Geschichte und Hispanistik in Augsburg. Er arbeitet als Lehrer an Sekundarschulen, zurzeit in München, davor etwa in Argentinien. Er promovierte 2021 mit einer interdisziplinären Arbeit über den Tango. Pellmann veröffentlichte einzelne Gedichte in verschiedenen Zeitschriften, eine erste Sammlung erschien 2022 unter dem Titel Außengrenzen. Nun folgte Nur noch den Abend erreichen bei Jung und Jung. Fedor Pellmann lebt in München.

Vorderlappenineffizienz (hat mit Endokrinologie zu tun und ist nicht gut, Anm.) findet ausgerechnet im Gedicht Unimogs Erwähnung und bringt Österreich und seine Bundeswehrunimogs ins Spiel. Dass der Herausgeber diesem Text direkt den Titel Walden gegenüber stellt, ist von der Auswahl her schon genial. Noch viel mehr das Gedicht selber: Sieben Zeilen, zwanzig Substantive, darunter ein Name, zwei Zahlwörter. Ein Hauptsatz: Die Hunde nehme ich mit. Fedor Pellmanns „Inhaltsangabe“ von Henry David Thoreaus doch immer etwas mühsam zu lesender Aussteigerphilosophie ist ein Meisterwerk an Effizienz.

Aussteigen wie Thoreau? Der Gegenwart und ihren Abseiten den Abschied geben? Das geht nicht. Der Mensch ist schlecht und die Welt nicht mehr zu retten? What shall's? Es gilt, das Beste draus zu machen. Trotz allem. Zu retten, was vielleicht nicht mehr zu retten ist. Die Jungen gehen an die Front. Es wird danach Ehen geben. Und das weiß der Dichter.

Fedor Pellmann: Nur noch den Abend erreichen. Gedichte. Ausgewählt von Thomas Kunst. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2024. 144 Seiten, 23 Euro – jungundjung.at
Bild: Jung und Jung / Dirk Skiba

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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