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Eine Stunde vorher waren wir noch Menschen

IM KINO / MARKO FEINGOLD. EIN JÜDISCHES LEBEN

16/09/21 „Ich bin heute 105 Jahre alt und immer noch am Leben. Obwohl ich in meinem Leben schon viele Male gestorben bin.“ So Marko Feingold am Beginn. Bilanz am Ende: „Wahrscheinlich hält mich der Zorn so am Leben. Und dass ich so alt geworden bin – weil ich noch nicht ganz fertig bin, alles zu erzählen, was ich erlebt habe.“

Von Heidemarie Klabacher

Marko Feingold starb am 19. September 2019 im Alter von 106 Jahren in Salzburg als der zuletzt älteste Holocaust-Überlebende Österreichs. Am Sonntag (19.9.), anlässlich des zweiten Todestages des langjährigen Präsidenten der hiesigen Israelitischen Kultusgemeinde, hat im Filmkulturzentrum Das Kino der Dokumentarfilm Marko Feingold. Ein jüdisches Leben von Christian Krönes, Florian Weigensamer, Christian Kermer und Roland Schrotthofer Premiere.

Die Filmemacher konzentrieren sich 1 Stunde 54 Minuten und 24 Sekunden einzig auf das Gesicht des weder betagt, noch alt, noch verbittert wirkenden Überlebenden von vier Konzentrationslagern in sechs Jahren. Sie zeigen Feingold gelegentlich im markanten Profil, meist aber frontal in wenigen verschiedenen Einstellungen der Nahaufnahme, radikal vor gleichbleibend schwarzen Hintergrund. Feingold spricht, viele dürfen sich daran von seinen Vorträgen erinnern, langsam und kontrolliert. Er schildert anschaulich und genau. Sei es eine Szene in Buchenwald, in der einer Mutter der Säugling aus den Armen gerissen und an der Wand zerschmettert wird. Sei es eine selbstironische Sequenz, in der Feingold sein Faible für gute modische Kleidung auf's Korn nimmt. Samt der Rauleder-Schuhe des später abgedankten englischen Königs Eduard VIII., die der junge Feingold in Wien gesehen und sofort hat auch für sich machen lassen...

Der alte Feingold wird – nach siebzig Jahren unermüdlichen Erzählens des eigentlich Unerzählbaren – gewusst haben, wo und wann solche Aperçus sein müssen, damit seine Zuhörerschaft auch nur die Erzählung von dem aushält, was er erlebt hat. Die Filmemacher tragen dem klug Rechnung, sie lockern den Monolog mit wohldosiert eingesetztem historischen Material auf, ohne damit die Spannung zu zerstören, die der alte Mann aufzubauen weiß: Kurze Sequenzen aus historischem Filmmaterial erweitern den historischen Kontext zurück ins Anschauliche. Ein Nazi-Lehrfilm, Boxen für kleine Buben. Ein Wochenschaubericht aus 1938 über Bürger Amerikas in Deutschland. Ein Info-Film, in dem Zivilisten lernen, Gasmasken anzulegen. Eine Verkehrsinformation – samt Aufruf zu Ritterlichkeit und Rücksichtnahme gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern – zum Rechtsfahren auf Österreichs Straßen. Eine kurze Sequenz aus dem Eichmann-Prozess 1961. Ein „Orientierungsfilm“, der die amerikanischen Soldaten vor den Deutschen warnt... Eingeblendet werden zwei antisemitische Droh- und Schmäbriefe, die Feingold noch in den 1990er Jahren erhalten hat, aber auch der Brief einer Salzburgerin, die sich entschuldigt für solches Verhalten, nach dem sie erfahren hatte, dass Feingold Schmähbriefe erhalte.

Das Skript des Films folgt chronologisch Feingolds Leben. In die Schule sei er nie gern gegangen, er hatte das Gefühl antisemitischer Lehrer. Ein Lehrer, ein Onkel vom nachmaligen Kanzler Kreisky, sei ein getaufter Jude gewesen, „die waren sonst eher nett, hier aber war angeborene Gehässigkeit...“ Von der Religion sei er langsam abgefallen, aber man bleibe Jude: „Meine Religion, ich halte sie für gut, für richtig, weil sie sehr elastisch ist. Man muss nicht daran glauben.“ Selbst in den zehn Geboten stehe „Du sollst...“ und nicht „Du musst...“

Weit über das Persönlich-Anekdotische hinaus analysiert Marko Feingold politische Entwicklungen: „In Deutschland ist das sukzessive gegangen. In Wien innerhalb von 24 Stunden. Da ist der verehrte Arzt ein Saujud geworden.“ Wäre Österreich nicht „so leicht zugänglich gewesen“, hätte Hitler hinterher andere Länder nicht so schnell besetzten können. Die Polizei sei überall die erste gewesen, „die ihm geholfen hat“: „Die Polizei hat in jeder Stadt gewusst, wo sich Juden aufhalten.“ Wenn er nicht dabei gewesen wäre im März 1938 hätte er wirklich geglaubt „die Deutschen haben uns überfallen".

Und das „Ende“ brachte auch keine Genugtuung: „Menschen aus 27 Nationen waren in Buchenwald. Innerhalb von drei Wochen waren alle Nationen heimgeholt, bis auf die Österreicher...“ Er, so Feingold, habe Busse gefordert, die aber von den Russen aufgehalten wurden: „Renner hat befohlen, keine Juden und keine KZler nach Wien durchzulassen.“ Dabei hätten die Überlebenden geglaubt, „wir werden feierlich empfangen“. In Salzburg, statt wie erhofft in Wien gelandet, habe er sich anhören können, wie schön sie es im KZ hatten, Sicherheit, keine Bomben. „Man konnte nicht begreiflich machen, wie es dort war.“ Entnazifizierung in Österreich sei ein Spielchen gegenseitiger Entlastung untereinander gewesen... Und keine Verbitterung ist im Film spürbar. Gelegentlich Zorn? Eher Fassungslosigkeit.

„Ich erzähle meine Geschichte schon seit siebzig Jahren. Und bin immer noch nicht fertig“, sagte Marko Feingold als 105jähriger beim Filmdreh. „Solange es Menschen gibt, die das,  was passiert ist, leugnen.“ Bis zuletzt sei er ein paarmal im Jahr in der Nacht schweißgebadet aufgewacht, weil irgend ein Erlebnis aus dem KZ aufgetaucht ist. Ob der alte Mann die Frage vor dem Ende noch hat beantworten können: „Wie kommen die Gedanken während des Schlafes in den Menschen hinein?“

Marko Feingold. Ein jüdisches Leben – Österreichpremiere des Dokumentarfilms ist am Sonntag (19.9.) um 11 Uhr im Salzburger Filmkulturzentrum Das Kino anlässlich des zweiten Todestages von Marko Feingold. Gäste sind Erzbischof Franz Lackner, Ludwig Laher, Hanna Feingold und das Film-Team, Moderation Manfred Mittermayer  – Kinostart in Österreich ist am 1. Oktober - www.a-jewish-life.com
Bilder: Stills aus dem Film Marko Feingold. Ein jüdisches Leben

 

 

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