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Großfamilie mit Jazz im Ohr

KOMMENTAR

Von Reinhard Kriechbaum

17/10/22 Rund 20.000 Gäste meldet der veranstaltende Altstadtverband für das viertägige Festival Jazz&TheCity, das gestern Sonntag (16.10.) zu Ende gegangen ist. Gefühlt waren alle 20.000 auf einmal auf der Straße.

Es gibt Wochenenden, da sieht sich Salzburg selbst fatal ähnlich, da hat man das Gefühl, dass nicht nur die Gehsteigflächen eng, sondern auch die Luft knapp wird. An diesem Samstag Nachmittag (15.10.) zu Fuß über die Staatsbrücke? Man war versucht, Maske zu tragen, so Haut an Haut, Atemwolke an Atemwolke ist's zugegangen. Hat eigentlich irgendjemand jemals daran gedacht, bei der Ampel am altstadtseitigen Brückenkopf die Dauer der Fußgänger-Grünphase einigermaßen der Menschenzahl anzupassen?

Von einem „hoffnungsfrohen Zeitzeichen“ ist in der Bilanz-Presseaussendung die Rede, und davon, dass Jazz&TheCity „attraktive Anreize für Einheimische, Tagestourist:innen oder Wochenendgäste“, biete, die Stadt Salzburg zu besuchen. Das hat aus PR-technischer Sicht wahrscheinlich seine Richtigkeit – und es hat funktioniert: Die Getreidegasse zu queren war angesichts der sich durch die Enge quälenden Gästescharen ein beinah waghalsiges Unterfangen.

Gut, dass die am Samstag Nachmittag und Abend jubilierende Brauchtumsgruppe Jung Alpenland ihren Bindertanz im Hof der Residenz vorgezeigt hat – da war man wenigstens akustisch abgeschirmt. Und das Platzkonzert der Bürgerkorpskapelle der Stadt Hallein am Sonntag im Festspielbezirk? Um zehn Uhr vormittags darf man alleweil auf akustische Lufthoheit in der Stadt zählen.

Wurde Jazz&TheCity nicht einst gegründet, weil Mitte Oktober in der Stadt Salzburg tote Hose dräute? Das hat vor zwanzig Jahren auch schon nicht wirklich gestimmt. Aber immerhin herrschte damals im Herbst tatsächlich etwas geringere Überflutung. Die Beobachtung jetzt: Seit der Festspielzeit hat die Zahl an Städtetouristen subjektiv nicht nachgelassen. Krisen aller Art scheinen am Tourismus völlig abzuprallen. Die fernöstlichen Gäste sind auch schon wieder stadtbildprägend da. Salzburg ist wieder unerträglich wie vor der Pandemie.

Vor diesem Hintergrund hat die Presseaussendung des Altstadtverbands schon fast galgen-humoristischen Wert: „Für den Altstadtverband Salzburg als Auftraggeber ist Jazz&TheCity die logische Fortsetzung der barocken Stadtgeschichte, der Idee der Verspieltheit – das Augenzwinkernde, das doppelte Spiel hinter den Mauern und Hecken, nimmt dieses Musikfestival lustvoll und zeitgenössisch auf.“ Festival-Leiterin Tina Heine: „Jazz&TheCity ist mittlerweile zu einer großen Familie geworden, die alle einlädt, sich an der Hand zu nehmen und mitzumachen, die Stadt zu formen.“ Ja, wir waren unterwegs. Mag sein, dass wir nicht großfamilientauglich sind.

 

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