asdf
 

Auf der Suche nach dem neuen Klang

FESTSPIELE / KLANGFORUM / CAMBRELING

23/07/24 Die Ouverture spirituelle der Festspiele bedeutet jedes Jahr auch so etwas wie das Schaulaufen fürs Klangforum Wien. Es ist die Idealbesetzung für jenen Bereich der zeitgenössischen Musik, der in der eröffnenden Konzertreihe einen ganz wesentlichen Platz einnimmt: die Mikrotonalität.

Von Reinhard Kriechbaum

Zeitgenössisch – bei dem Wort zögert man ja fast. Der Liederzyklus Ancient Voices of Children von George Crumb ist 1970 entstanden, also vor mehr als einem halben Jahrhundert. Claude Viviers Lonely Child ist 1981 uraufgeführt worden, also vor über vierzig Jahren. Beruhigende Zeitspannen also, nach denen man schon zu einem von unmittelbar aktuellen Zeitströmungen unabhängigen Werturteilen kommen kann. Im Fall dieser beiden Stücke lautet es unzweifelhaft: Diese Musik besitzt musikhistorischen Stellenwert, verdient in den Kanon aufgenommen zu werden.

Wird man das über das aktuellste Stück des Abends, Ich suchte, aber fand ihn nicht von Georg Friedrich Haas von 2012, in dreißig, vierzig Jahren auch sagen können? Begründeter Verdacht: Ja. In dem auf einem Bibelzitat fußenden Werk zieht Haas alle Register seiner ausgefeilten Instrumentationskunst. Ein schier endlos anmutender, ununterbrochen fließender Strom aus dichten Harmonien bricht über die Hörer herein. Klänge freilich, die einem gleichsam zwischen den Ohren entgleiten, so „konkret“, sogar „vertraut“ sich die Harmonien und ihre farblich stets prägnante Fassung auch im Moment anfühlen mögen.

Hinter dem Streichquintett ein reichhaltiges Bläsercorps bis in Extremlagen, Schlagzeug natürlich, besonders auffällig das reiche Sortiment an Gongs. Der Komponist lässt aus dem vollen schöpfen, baut gewaltige Klangarchitekturen, die aber auch wieder zu zerbröseln scheinen, ohne dass das Kontinuum einen Moment der Pause fände.

Was lässt Georg Friedrich Haas uns suchen und nicht finden? Schreie könnte man da heraushören, aber auch trügerische Ruhe, mutwillige Irritationen ebenso wie Versuche, aus gesichertem, wiewohl mikrotonalem Terrain tritt zu fassen.

Sylvain Cambreling am Pult des Klangforum Wien hat das mit viel Liebe zum Detail, vor allem mit hohem dramaturgischem Bewusstsein für die hinterhältigen Winkelzüge dieser Komposition nachgezeichnet. Als quälend oder bedrohlich könnte man dies beschreiben, aber auch als erhellend und anregend. Beinah kann man es nicht glauben, wenn das hoch charismatische Stück nach schmerzlichen Verdichtungen sich doch in lichteren, versöhnlichen Akkorden verliert.

Geradezu antipodisch dazu Ancient Voices of Children von George Crumb, ein Liedzyklus in der eigenwilligen Besetzung Sopran, Knabensopran, Oboe, Mandoline, Harfe, elektrisch verstärktes Klavier, Spielzeug-Klavier und Schlagzeug (dieses gleich mit drei Spielern). Mehrmals beugt sich die Sängerin (Sophia Burgos) ins Klavier, zuletzt gemeinsam mit dem Knabensopran (Filip Köpke vom Festspiel- und Theater-Kinderchor). Singende Säge zu einer Vokalise durch ein Megaphon; stehende Klänge der Marimba gegen das Zirpen des Spielzeug-Klaviers; orientalisch anmutende Melodieschnörksel der Oboe (der Oboist greift auch mal zur Mundharmonika) – in dem knapp halbstündigen Werk auf einen Text von Federico García Lorca gibt es quasi pointillistisch eingesetzte Klangexperimente zuhauf. Absolutes Neuland in der Entstehungszeit des Stücks.

Die dritte Suche nach neuen Klängen an diesem Abend: Für Lonely Child hat Clauder Vivier selbst den Text geschrieben, poetisch verspielte Bilder nach der Hoffnung auf eine „Zeit der Zeit ohne Zeit“. Das ist in einen sinnlichen, samt-schimmernden Orchesterklang (auch mit Tönen jenseits des vertrauten Stufensystems) eingebettet, an den Streichern orientiert und mit reichlich Glockenklängen gewürzt.

Hörfunkübertragung am 8. September um 19.45 Uhr auf Ö1
Bilder: SF / Marco Borrelli

 

 

 

 

 

 

DrehPunktKultur - Die Salzburger Kulturzeitung im Internet ©2014